Hundertzweiundneunzig Meilen

von St. Bees nach Robin Hood´s Bay
2016 kaufte ich ein Buch über den Coast to Coast Walk, dazu eine Karte. Ich wollte diesen Weg gehen, quer durch England, von Küste zu Küste. Aber zwanzig Kilometer am Tag, Tag für Tag? Das schien mir zu viel. Und drei Wochen konnte ich nicht entbehren. Das Buch kam ins Regal. Die Karte blieb gefaltet.
Seit meinem zehnten Lebensjahr fahre ich Rad, doch jenseits der zweihundert Kilometer wagte ich mich erst 2019. Was mir bis dahin undenkbar erschienen war, wurde zur Selbstverständlichkeit. Seitdem fuhr ich Ultras. Auf die dreihundert folgten vierhundert, schließlich sechshundert, bei knappem Schlaf oder gänzlich ohne. Die Grenzen, die ich für unverrückbar gehalten hatte, rückten mit jeder Fahrt ein Stück weiter hinaus.
Bis zum September 2025.
Schädelhirntrauma zweiten Grades. Wunden, die genäht werden mussten. Zerbrochene Zähne. Fünf Brüche. Von einem Tag auf den anderen stand ich wieder ganz am Anfang. Nach einigen Monaten konnte ich kürzere Strecken joggen, doch auf dem Rad hielt ich die Haltung kaum aus. Und trotzdem, oder gerade deshalb, kam mir das alte Buch wieder in den Sinn. Ich beschloss, den Coast to Coast (192 Meilen) anzugehen und zwar binnen zehn Tagen.
Zwei Reiseagenturen riefen mich zurück. Beide sagten dasselbe: Der Umfang sei zu ehrgeizig, und im Mai sei fast alles ausgebucht. Ich solle auf den September warten. Ich wollte nicht warten. Wenn sich etwas einmal in meinem Kopf festsetzt, bringt mich so schnell nichts davon ab. Und warum auch? Ist das Leben nicht zu kurz, um alles immer wieder zu verschieben?
Also setzte ich mich hin und begann zu rechnen. Ein Track auf Komoot. Kilometer pro Tag, so verteilt, dass am Abend ein Bett erreichbar war. Freie Zimmer, Gepäcktransport, E-Mails, Rückfragen, noch mehr E-Mails. Ein Wise-Konto für die Anzahlungen. Ich schob die Kilometer hin und her, wie Figuren auf einem Brett. Siebenunddreißig Kilometer an einem Tag. Das ließ sich machen, wenn das Wetter mitspielte.
Und wenn nicht? Ich sah es schon vor mir: Seitenwind, Starkregen, die Schuhe durchnässt, kein Unterstand weit und breit, und noch fünfundzwanzig Kilometer vor mir.
Das ist das Seltsame an unserem Kopf. Wir erleben Dinge, die noch gar nicht geschehen sind, so deutlich, dass wir schon mittendrin stehen. Dann klopft die Wirklichkeit an, und meistens sind wir froh, dass sie ganz anders aussieht.
Und so war es auch.
Die Anreise – ein Flug von München nach Manchester, und von dort aus gibt es einen Zug, der nach St. Bees fährt. Die meisten wandern von West nach Ost, weil der Wind gewöhnlich aus dieser Richtung weht.
